Heteronormative Gesellschaft

Die Begriffe „Heteronormativität“ und „heteronormativ“ bezeichnen einen gesellschaftlichen "Normalzustand" von Geschlecht und Begehren, der sich mit der Aufwertung einer sog. "Mehrheit" und der Abwertung einer sog. "Minderheit" verbindet:

Es gibt ausschließlich Männer und Frauen. Männer begehren ausschließlich Frauen, und Frauen begehren ausschließlich Männer. Männer sind von Geburt an Männer und haben als solche anatomisch den männlichen Körper. Frauen sind von Geburt an Frauen und haben als solche anatomisch den weiblichen Körper.  

Da Männer und Frauen "von Natur" aus bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten haben, werden ihnen konkrete gesellschaftliche Positionen zugeteilt - Männer verdienen das Geld und Frauen bekommen Kinder und kümmern sich um die Familie. Auch wenn diese starre Aufteilung gesellschaftlicher Positionen mittlerweile aufweicht, bleiben die Zuschreibungen weiterhin bestehen. Dies zeigt sich an Bezeichnungen wie dem „Mannweib“ für Frauen, die beispielsweise in der Wirtschaft Karriere machen oder dem „Weichei“ für Männer, die beispielsweise in Elternzeit gehen. Es ist also durchaus Lebensrealität, dass Menschen die beruflichen (zum Teil auch gesellschaftlichen) Grenzen für Männer und Frauen durchbrechen, es ist jedoch nicht normal, sondern wird lediglich gebilligt. Gleichzeitig wächst jedoch der Anspruch an die Menschen sich modern zu verhalten, was einen großen Druck und Unsicherheit aufbaut.   

Wesentlicher Bestandteil der „heteronormativen Gesellschaft“ ist die Unterdrückung von lsbtiq-Lebensweisen (= lesbisch, schwul, bisexuell, trans, interl, queer). Homosexuelles oder nicht eindeutiges Begehren, Geschlechtsangleichung, das Existieren jenseits der Kategorien Mann-Frau und geschlechtskörperliche Uneindeutigkeit bedrohen das heteronormative Gesellschaftssystem, das auf einem Zwang zur geschlechtlichen Eindeutigkeit aufbaut. Zusammengefasst bezeichnen wir diese Formen der Diskriminierung als „Homo-, Trans*- und Inter*feindlichkeit“.  

Homofeindlichkeit

Unter Homofeindlichkeit wird die Diskriminierung lesbischer, schwuler und bisexueller Lebensweisen verstanden. Für dieses Phänomen verwenden wir den weit verbreiteten Begriff der „Homophobie“ nicht. Dieser ist irreführend, da er durch den Phobiebegriff auf einen individuellen Angstzustand verweist. Täter werden so zu Opfern ihrer Angst gemacht. Beispielsweise galt in den USA bis 2014 die „Gay Panic“-Regelung, nach der Mörder homosexueller (teils auch transsexueller) Menschen von Gerichten stark gemilderte Urteile bekommen konnten, wenn sie darauf verwiesen, dass die Homosexualität/Transsexualität ihrer Opfer bei ihnen Panik ausgelöst hätte. (http://www.queer.de/detail.php?article_id=22386

Außerdem verdeckt der Phobiebegriff, dass es sich bei Homofeindlichkeit nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Strukturproblem handelt. Die noch immer hoch gehaltene vermeintliche gesellschaftliche "Keimzelle" – die Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) – wird durch die Annahme, Männer würden ausschließlich Frauen und Frauen würden ausschließlich Männer begehren, gestützt. Tiefer gehend stellen nicht-heterosexuelle Begehrensformen eine Bedrohung für die in unserer Gesellschaft gültigen Geschlechterbilder dar. Denn ein Mann, als vermeintlich aktiv-dominantes Geschlecht, kann nicht von einem anderen Mann begehrt werden, ohne dabei eine Form der Entmännlichung zu erfahren. Frauen, als vermeintlich passiv-emotionales Geschlecht, können einander nicht begehren, ohne dabei die ihnen zugewiesene Rolle des dem Mann zur Verfügung stehenden Sexualobjekts zu verlassen und somit die Geschlechterordnung in Frage zu stellen. Menschen, die also nicht einer heterosexuellen Norm entsprechend leben, werden häufig als „abnormal“ bezeichnet. Auch "theologisch begründete" Homofeindlichkeit ist nach wie vor verbreitet; so zitiert der Schweizer Bischof Vitus Huonder eine Bibelstelle, wonach homosexuelle Liebe zwischen Männern als "Gräueltat" bezeichnet wird: "Beide werden mit dem Tod bestraft. Ihr Blut soll auf sie kommen." Er stellt dazu fest: die Bibelstellen "legen... die göttliche Ordnung vor, welche für den Umgang mit der Sexualität gilt. In unserem Fall geht es um die gleichgeschlechtliche Praxis. Die beiden Stellen allein würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben." (Vortrag beim Kongress "Freude am Glauben" des "Forums Deutscher Katholiken", S. 10f. - der vollständige Vortrag: www.bistum-chur.ch/wp-content/uploads/2015/08/Vortrag.pdf

 

Lesbenfeindlichkeit

Unter Lesbenfeindlichkeit versteht man allgemein die Stigmatisierung, Marginalisierung und Diskriminierung von Frauen, die Frauen begehren und/oder lieben. Im Gegensatz zum „Schwulen“ ist das „Lesbische“ in der breiten Öffentlichkeit kaum präsent. Man kann nahezu von der Unsichtbarkeit von lesbischen Lebensweisen sprechen. Diese Unsichtbarkeit zeigt sich auch darin, dass nicht selten mit „homosexuell“ lediglich „schwul“ gemeint ist.

Lesbischen Frauen wird häufig unterstellt nicht den richtigen Mann gefunden zu haben und deshalb „behelfshalber“ auf andere Frauen, denen es ähnlich geht, auszuweichen. Aufgrund dieser Leugnung lesbischen Begehrens verwischt Lesbenfeindlichkeit oft mit Antifeminismus. Die „Kampfemanze“, das „Mannsweib“ oder die „Männerhasserin“ sind Beschimpfungen, die gegen Frauen gerichtet werden, die selbstbewusst, unabhängig, ehrgeizig sind und/oder optisch nicht stereotypen Vorstellungen von Frausein entsprechen und/oder eben lesbisch sind. Strukturell zeigt sich Lesbenfeindlichkeit des Weiteren in der doppelten Diskriminierung: als Lesben und als Frauen, was beispielsweise die erhöhte Altersarmut unter lesbischen Frauen zeigt, da hier die finanzielle Benachteiligung von Frauen doppelt greift.

 

Schwulenfeindlichkeit

Unter Schwulenfeindlichkeit versteht man allgemein die Stigmatisierung, Marginalisierung und Diskriminierung von Männern, die Männer begehren und/oder lieben. Die Tatsache, dass Männer einander begehren und/oder lieben können, wird von konservativen Kreisen häufig als unnatürlich, krank oder pervers bezeichnet.

Ausrufe wie „Das ist voll schwul!“ oder die Beschimpfung „Du schwule Sau!“ werten die Identität schwuler Männer ab und zeigen, dass „schwul“ allgemein als etwas Schlechtes, für Männer Bedrohliches wahrgenommen wird. Beleidigungen wie „Homofürst“, „Hinterlader“, „Arschficker“ oder „Schwanzlutscher“ bedienen sich vermeintlich typisch schwuler Sexpraxen, laden diese negativ auf und sollen so den (männlichen) Gegenüber erniedrigen. Befördert und legitimiert wird diese Haltung durch die in vielen Ländern fortbestehende Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Sexualität.

 

Bifeindlichkeit

Bifeindlichkeit meint allgemein die Stigmatisierung, Marginalisierung und Diskriminierung von Menschen mit uneindeutigem Begehren. Unter Bifeindlichkeit fassen wir also alle diskriminierenden Erfahrungen von Begehrensstrukturen zusammen, die weder heterosexuell noch homosexuell orientiert sind (beispielsweise polysexuell, pansexuell, bisexuell).

Häufig Formulierte Vorwürfe gegen Menschen mit uneindeutigen Begehrensstrukturen sind „Das ist eine Übergangsphase“, „Zwischenstation zu homosexuell“, „Du kannst dich nicht entscheiden“, „Das machst du nur, weil es gerade Mode ist“ etc.. Die spezifische Diskriminierungserfahrung liegt darin, dass diese Begehrensformen gar keine Anerkennung finden, also schlicht nicht ernst genommen werden. Bisexuelle Menschen werden so zum Teil Opfer von Homofeindlichkeit, zum Teil werden sie aber auch in schwul-lesbischen Kontexten ausgeschlossen. Die Vorstellung, dass ein Mensch Männer und Frauen, feminine, maskuline und/oder androgyne Menschen, explizit trans* Männer und/oder trans* Frauen und/oder Menschen, die gar nicht in das binäre Raster passen begehren kann, ist für die meisten Menschen unvorstellbar und wird so als unrealistisch abgetan. Die häufigste Vorstellung ist, dass diese Menschen ihre Homosexualität leugnen würden

 

Trans*feindlichkeit

Unter Trans*feindlichkeit versteht man allgemein die Stigmatisierung, Marginalisierung und Diskriminierung von transsexuellen Menschen (Frauen, die mit einem männlichen Körper geboren wurden und diesen ihrem richtigen Geschlecht angleichen / Männer, die mit einem weiblichen Körper geboren wurden und diesen ihrem richtigen Geschlecht angleichen) und allen nicht geschlechtskonformen Menschen (transgender, cross-dressend, weder Mann noch Frau, sowohl Mann als auch Frau, Drag Queens und Drag Kings, Tunten, Butches, feminine Männer, maskuline Frauen etc.). Die Annahme, Männer und Frauen würden als solche mit bestimmten Eigenschaften geboren und Männer und Frauen müssten als solche eindeutig zu identifizieren sein, bedingt die strukturelle Trans*feindlichkeit unserer Gesellschaft.

Geschlechtsangleichungen und nicht geschlechtskonformes Auftreten werden noch immer als unnatürlich, Fetisch, psychische Krankheit oder Provokation wahrgenommen. Daraus ergibt sich für die von dieser Diskriminierung betroffenen Menschen eine enorme Belastung im Privatleben, Berufsleben, der Öffentlichkeit, aber auch ein starkes Konfliktpotential mit sich selbst. 

Die strengen geregelten Wege, die Menschen gehen müssen, wenn sie ihr körperliches Geschlecht angleichen möchten, die Angst vor der Arbeitsmarktsituation, Angst das private Umfeld zu verlieren und Angst vor Gewalt erschweren trans* Menschen ihr Leben. Nicht zuletzt führen diese realen Ängste zu Isolation und Unsichtbarkeit. Letzteres veranlasst einige Menschen zu denken, dass trans* Menschen nicht wirklich existieren würden.

 

 

Inter*feindlichkeit

Intersexuelle Menschen, die sich als Intersexuelle, Hermaphroditen, Inter* oder Zwitter bezeichnen, waren bis 2013 juristisch unsichtbar, da unser Rechtssystem nur eindeutig als "Männer" und "Frauen" zugeordnete Menschen juristisch anerkannte. Als "abnormal" klassifiziert, werden ihre Körper häufig zum medizinischen Notfall erklärt: Ohne die Einwilligungsfähigkeit der intersexuellen Menschen abzuwarten, werden in der Regel im Kindesalter kosmetische Genitaloperationen an ihnen vollzogen. Dabei wird in Kauf genommen, dass das sexuelle Empfinden vermindert oder gänzlich zerstört wird. Auch können äußerliche Merkmale geschaffen werden, die nicht der Geschlechtsidentität entsprechen. In der Vergangenheit wurden intersexuelle Kinder systematisch ihrer Fortpflanzungsfähigkeit zumeist durch Kastration beraubt. Eine solche Entnahme der gesunden, hormonproduzierenden inneren Organe  zwingt die Betroffenen zu lebenslanger Substitution mit körperfremden Hormonen. Die meisten Opfer dieser Praxis tragen massive psychische und physische Schäden davon, unter denen sie ein Leben lang leiden. Eine  mögliche  Reproduktionsfähigkeit geht für immer verloren.

Aber auch soziale Diskriminierungserfahrungen prägen das Leben intersexueller Menschen. Die Diffamierung intersexueller Menschen als „Es“ beispielsweise, wie in diesem Zitat der AfD-Politikerin Beatrix von Storch:

„Es ist ja unbestritten, dass es diese Zwischendinger gibt. Aber das ist doch bitte nicht der Normalfall“. (http://www.zeit.de/2015/10/geschlechtergleichstellung-afd-gender-politik) Die Bezeichnung „Zwischendinger“ desexualisiert und entmenschlicht intersexuelle Menschen, macht aus ihnen Dinger. Auch von dem „Normalfall“ zu sprechen, macht deutlich, dass in diesem Kontext intersexuelle Menschen als unnormal stigmatisiert werden und ihre Bedürfnisse somit nicht ernst zu nehmen wären.